Illegale Adoptionen aus Sri Lanka – Kanton St. Gallen hat versagt

Jona als Drehscheibe des Kinderhandels – und wie der Kanton seine Aufsichtspflichten über Jahrzehnte vernachlässigte

Es liest sich wie ein Krimi: Kinderhandel, Behörden, die wegschauen, und im Mittelpunkt eine zwielichtige Vermittlerin aus Rapperswil-Jona. Doch es handelt sich nicht um Fiktion, sondern um einen Bericht über Adoptionen aus Sri Lanka, den das St. Galler Amt für Soziales in Auftrag gegeben hat und welcher der «Zürich­see-Zeitung» vollständig vorliegt.

Die Historikerin Sabine Bitter hat untersucht, wie die dubiose Vermittlerin Alice Honegger in den Achtzigerjahren Kinder aus Sri Lanka in die Schweiz brachte und welche Rolle die kantonalen Behörden dabei spielten. Nur so viel schon: Es ist eine unrühmliche Rolle. Der Kanton erteilte trotz zahlreichen Hinweisen, dass Honeggers Geschäft nicht gesetzeskonform war, der Vermittlerin immer wieder die Bewilligung für internationale Adoptionen.

Eine «Hochstaplerin»

Rückblende ins Jahr 1973. Alice Honegger beantragte beim Kanton St. Gallen eine Bewilligung für Auslandsadoptionen. Der sozialdemokratische Vorsteher des kantonalen Justiz- und Polizeidepartements (KJPD) Florian Schlegel erkundigte sich bei der Vormundschaftsbehörde der damaligen Gemeinde Jona nach Honeggers Leumund. Denn zu diesem Zeitpunkt betrieb Honegger das Mütterheim Seewarte in Bollingen, wo sie ledige Frauen aufnahm, die ein Kind gebären und zur Adoption freigeben wollten. Daher unterstand sie der Aufsicht der Vormundschaftsbehörde. Diese riet dem Regie­rungsrat, den Antrag abzulehnen.

Bei einer Untersuchung von Honeggers Tätigkeiten war die Vormundschafts­behörde nämlich zum Schluss gekommen, dass ihre Geschäftsführung un­durch­sichtig sei. Allenfalls sei sie eine «Hochstaplerin». Das Amt zog damals aller­dings keine Konsequenzen aus seinen Erkenntnissen. Auch Regierungsrat Schlegel sah keinen Grund, die Bewilligung für Auslandsadoptionen nicht zu erteilen, obwohl Honegger nicht einmal einen Finanzplan oder Informationen über ihre Tarife liefern konnte.

In den kommenden Jahren wurde die Bewilligung für Auslandsadoptionen immer wieder erneuert, obwohl Honeggers Geschäftsführung ernsthafte Lücken aufwies – sie führt nur halbbatzig Buch dar­über, wo sie Kinder platzierte – und obwohl es immer wieder Beschwerden gegen sie gab.

Ab 1979 begann Honegger dann, Kinder aus Sri Lanka an Schweizer Paare zu vermitteln. Sie war nicht die einzige Vermittlerin, die in Sri Lanka tätig war. Gemäss einem niederländischen Fernsehprogramm, das vergangenen September ausgestrahlt wurde, wurden in den Achtzigerjahren bis zu 11 000 Kinder aus Sri Lanka von ausländischen Elternpaaren adoptiert. In der Schweiz war Alice Honeg­ger gemäss dem damaligen Bundesamt für Ausländerfragen Dreh- und Angelpunkt für Adoptionen aus dem asiatischen Land.

Das Haus Seewarte in Bollingen:  Von hier betrieb Alice Honegger ihre fragwürdigen Adoptionsdienste.

Hinweise auf Kinderhandel

Bereits 1980 empfahl das Bundesamt für Ausländerfragen der schweizerischen Botschaft in der Hauptstadt Colom­bo, Alice Honegger im Auge zu behal­ten, da sich verschiedene Stellen über sie beschwert hätten. Gebe es Anzeichen für Kinderhandel, wäre man froh um einen Hinweis.

Diese Hinweise gab es tatsächlich. In der Schweiz beschwerte sich ein Paar beim KJPD über eine schockierende Erfah­rung mit Honegger. Diese hatte dem Ehepaar angeboten, ein ausländisches Kind gegen eine Bezahlung von 7000 bis 15 000 Franken zu organisieren. Dem Paar war nicht klar, ob es sich dabei um Reisespesen oder Geld für den Kauf eines Kindes handelte. Die Presse in Sri Lanka schrieb kurz darauf über missbräuchliche Adoptionen. Innerhalb eines Jahres sei es bei mehr als 90 Prozent aller Adoptionen zu Missständen gekommen. Der Schweizer Botschafter wies das Bundesamt für Ausländerfragen wiederholt auf ein Netz von korrupten Vermittlern in Sri Lanka hin. Diese würden den Müttern die Kinder abnehmen und die Gebühren kassieren, welche die Adoptiveltern bezahlten.

Artikel in der Schweizer Presse, im «Tages-Anzeiger» und in der «Schweizer Illustrierten», erzählten von Babyschmuggel und Babyfarmen, wo Kinder auf Bestellung gezeugt wurden. Auch die Behörden in Sri Lanka seien involviert. Dabei spiele eine Schweizerin eine bedeutende Rolle. Den Behörden war gemäss dem St. Galler Bericht klar, dass es sich dabei um Alice Honegger handeln musste. Das KJPD stoppte aufgrund dieser Hinweise die Adoptionen aus Sri Lanka mit sofortiger Wirkung. Wie sich später herausstellen sollte, hielt sich Alice Honegger nicht an diesen Erlass.

Dem St. Galler Regierungsrat war allerdings zu diesem Zeitpunkt wichtig, zu betonen, dass von Babyschmuggel keine Rede gewesen sein könne, da die Behörden in Sri Lanka die Kinder den Schweizer Adoptiveltern rechtmässig zugesprochen hätten. Allerdings sei es möglich, dass die Arbeitsweise der Vermittler in Sri Lanka fragwürdig sei. Ähnlich reagierte das eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement, als das Thema kurz darauf im Nationalrat zur Sprache kam.











Die «Schweizer Illustrierten» vom 24. Mai 1982

Dass die Vorgehensweise der Vermittler tatsächlich fragwürdig war, zeigt Sarah Ineichens Fall. Sie wurde 1981 in Sri Lanka von Alice Honegger an ein Schweizer Paar vermittelt. Wie Ineichen kürzlich in Sri Lanka herausfand, wurde sie nicht von ihrer leiblichen Mutter zur Adoption freigegeben, sondern von einer sogenannten Schauspielmutter. Die Frau wurde von einer Person namens Lady Violet engagiert und erhielt 30 Dollar dafür, schön angezogen vor Gericht zu erscheinen.

Dort unterschrieb sie eine Verzichtserklärung und gab das Baby zur Adoption frei. Für Ineichen ist besonders hart, dass sie nicht weiss, ob ihre leibliche Mutter sie freiwillig aufgegeben hat. Hinzu kommt die Frage: «Wer bin ich?» Denn die Identität, die auf Ineichens Geburtsurkunde steht, ist gefälscht. Sie ist eine Kopie der Tochter der Schauspielmutter. Ramani, Sarah Ineichens zweiter Name, durch den sie sich immer mit ihrer leiblichen Mutter verbunden gefühlt hat, ist der Name dieser anderen Tochter. «Es ist, als sei dieser Teil meiner Identität wie in einem Science-Fiction-Film mit einem Schlag gelöscht worden», meint Ineichen.

Absichern statt stoppen

Die Entscheidungen der Behörden werden im St. Galler Bericht hart beurteilt: «Es ging der kantonalen Behörde trotz des aufgedeckten Kinderhandels in Sri Lanka und trotz des Wissens, dass Alice Honegger für die Vermittlung von Kindern an Schweizer Ehepaare in Colombo der Dreh- und Angelpunkt war, nicht darum, die Auslandsadoptionen zu stoppen, sondern lediglich darum, das Prozedere rechtlich abzusichern.» So wartete das KJPD eine Untersuchung von Interpol zu den Zuständen in Sri Lanka ab.

In der Zwischenzeit befragte das Departement die Adoptiveltern in der Schweiz. Deren Rückmeldungen zu Alice Honegger waren durchwegs positiv. Noch bevor die Interpol-Untersuchung abgeschlossen war, erteilte Regierungsrat Schlegel Honegger die Bewilligung erneut, unter der Bedingung, dass sie die Zusammenarbeit mit einer besonders fragwürdigen Anwältin in Sri Lanka einstelle. Der St. Galler Bericht spricht hier von einem Entgegenkommen, angesichts der Tatsache, dass sich Honegger nicht an den Bewilligungsstopp gehalten hatte. «Ihr Verstoss gegen den Erlass des Regierungsrates hatte aber keine Konsequenzen.» Im Interpol-Bericht hiess es dann, die Polizei in Sri Lanka habe keine Hinweise, dass Babys illegal ausser Landes geschafft werden. Honegger wurde also entlastet.

Doch die Bedenken des Kantons waren offenbar noch nicht ganz zerstreut. So wollte man die Bewilligung künftig nicht mehr auf Honegger persönlich ausstellen, sondern auf ihren neu gegründeten Verein und einen neuen Mitarbeiter. Dieser kündigte aber, bevor er seine Arbeit richtig aufgenommen hatte. Die Art und Weise, wie Honegger in Sri Lanka gearbeitet habe, habe er nicht gutheissen können, sagte er im Mai in der Rundschau des Schweizer Fernsehens.

In den folgenden Jahren betrieb Honegger ihre Adoptionsvermittlung weiter, doch nun eingebunden in verschiedene Stiftungs- und Vereinsstrukturen. Allerdings waren die Stiftungsräte mit Eltern besetzt, denen sie ein Kind vermittelt hatte, sowie ihrem eigenen Adoptivsohn. Honeggers Bewilligung wurde bis zu ihrem Tod 1997 immer wieder erneuert.











Sarah Ineichen als Baby.

Die gefälschte Geburtsurkunde von Sarah Ineichen. Sie wurde von einer falschen Mutter zur Adoption freigegeben. Alice Honegger vermittelte sie daraufhin an ein Schweizer Ehepaar.

Dokumente zurückbehalten

Honeggers Stiftung Adoptio besteht noch immer, geführt von ihrem Adoptivsohn Rudolf Honegger. Es werden jedoch keine Kinder mehr vermittelt. Gemäss eigenen Angaben ist der Zweck der Stiftung «die Förderung des Adoptionsdienstes auf ethischen Grundlagen».Im Haus an der Seewarte Bollingen sind viele Unterlagen zu Alice Honeggers Vermittlungstätigkeit gelagert. Die erwachsenen Adoptierten möchten Einsicht in diese Dokumente, doch das erweist sich als schwierig. Früher habe Rudolf Honegger noch eher Dokumente herausgegeben, erklärt Sarah Ineichen. Darin seien auch belastende Unterlagen gefunden worden. Seit kurzem scheinen die ausgehändigten Dossiers nun aber nicht mehr vollständig zu sein.

Ineichen selbst erhielt lange keine Antwort, als sie um ihre Unterlagen bat, erst als sie einen eingeschriebenen Brief schickte, erhielt sie ein Dossier. Allerdings war es das einer anderen Person. Gemäss Ineichen behauptet Rudolf Honegger nun, er habe ihr Dossier nicht. Rudolf Honegger war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Zu einem früheren Zeitpunkt hatte er seine Mutter gegen die Vorwürfe in Schutz genommen. Sie habe immer zum Wohl der Kinder gehandelt, teilte er SRF mit.

Stattdessen hat Ineichen nun ein Dossier vom Kanton Nidwalden, wo ihre Adoption registriert wurde. Ihre Adoptivmutter wollte ihr die Dokumente nicht aushändigen. Sie erhielt ihr Dossier allerdings erst nach einem Jahr, denn die Behörden trafen einige Abklärungen. Besonders erschütternd für Ineichen: Der Kanton kommt zum Schluss, dass es ein Fehler gewesen sei, ihren Adoptiv­eltern ein Kind anzuvertrauen.

Offenbar waren viele der Adoptiveltern überfordert. Ineichen hat eine IG namens Back to the Roots (Zu den Wurzeln zurück) gegründet, mit der sie ­Adoptierte aus Sri Lanka unterstützt. Von den 117 Adoptierten, die sich seit Ende letzten Jahres gemeldet haben, seien etwa die Hälfte von ihren Adoptiveltern physisch oder psychisch misshandelt worden, schätzt Ineichen. Das sei wohl teilweise auch darauf zurückzuführen, dass Alice Honegger nur ungenügende Abklärungen traf, bevor sie ein Kind vermittelte. Mit ihrer IG möchte Ineichen Adoptierten die Möglichkeit geben, sich auszutauschen. Zudem werden sie bei der Suche nach ihrer Familie in Sri Lanka unterstützt, zum Beispiel bei DNA-Tests. Ineichen selbst hat so in der Schweiz eine entfernte Cousine gefunden.

Regierung schweigt

Back to the Roots hat aber auch politische Forderungen. Die illegalen Adoptionen müssten aufgearbeitet werden. Dies verlangt auch ein Postulat der Nationalrätin Rebecca Ruiz (SP), welches Bund und Kantone dazu auffordert, die Adoptionspraxis in Bezug auf Sri Lanka zu untersuchen. Der St. Galler Bericht ist Teil dieser Aufklärungsarbeit. Vor allem aber fordert Ineichen: «Die Schweiz muss Verantwortung übernehmen.» Denn nun stehe schwarz auf weiss, dass die Behörden die illegalen Adoptionen hätten stoppen können. «Das ist sehr erschütternd.» Es müsse alles getan werden, um zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Es gebe nämlich Hinweise, dass es wieder zu illegalen ­Adoptionen komme. Ineichen ist der Meinung, die Aufsicht über Adoptionen müsse auf Bundesebene geregelt werden und nicht mehr auf Kantonsebene.

Der St. Galler Bericht kommt zum Schluss, dass «der Kanton St. Gallen die Aufsicht über die Adoptionsvermittlung von Alice Honegger ungenügend wahrgenommen hat». Die Entscheidungen des KJPD und des Vorstehers Florian Schlegel blieben erklärungsbedürftig. Von der St. Galler Regierung, welche den Bericht in Auftrag gegeben hat, war keine Stellungnahme zu den Ergebnissen der Untersuchung zu erhalten. Weder Martin Klöti (FDP), dessen Departement des Inneren für den Bericht verantwortlich ist, noch Fredy Fässler (SP), entfernter Nachfolger des im Bericht kritisierten Regierungsrates, wollten sich äussern. Der Gesamtregierungsrat müsse kommunizieren, erklärt Fässler, Vorsteher des Sicherheits- und Justizdepartements, auf Anfrage. Doch man sei bis anhin noch nicht dazugekommen, den Bericht zu besprechen.













Sarah Ineichen heute.


Impressum
Text: Olivia Tjon -A- Meeuw
Bilder: Moritz Hager
Digitale Umsetzung: Paul Steffen

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