Geschrumpft – und stolz darauf

Wie ein Wädenswiler als Minifigur in Hamburg landete

Ohne Daniel Kägi wäre die weltgrösste Modellbahnanlage wohl nie entstanden.

Mit offenen Armen empfängt Daniel Kägi die Gäste an seinem Kuchenbuffet. Der Gastgeber mit Leib und Seele scheint in seinem Element. So richtig überprüfen lässt sich das nicht. Denn Kägi bewegt sich nicht, er ist am Boden festgeklebt und auf Miniaturgrösse geschrumpft.

Der richtige Daniel Kägi kann es immer noch nicht so recht fassen, dass ausgerechnet er, der Wädenswiler, im Format 1:87 im Hamburger Miniatur Wunderland – der weltgrössten Modelleisenbahnanlage – als knapp zwei Zentimeter grosse Plastikfigur kürzlich verewigt wurde. Ganz unschuldig daran ist der frühere Betreiber eines Modelleisenbahngeschäfts aber nicht.

Ein Mini-Denkmal

«Ohne sein Geschäft in Zürich wären wir nicht auf die Idee für eine Miniaturwelt gekommen. Somit gebührt ihm auch ein kleines Denkmal», sagt Sebastian Drechsler vom Miniatur Wunderland. Vor knapp zwanzig Jahren war es, als Drechslers Bruder Frederik Braun in Zürich auf einer Shoppingtour mit seiner Freundin das damalige Modelleisenbahn-Geschäft von Kägi entdeckte. «Für Frederik und für uns alle war der Besuch in Zürich lebensverändernd», erzählt Drechsler.

Und auch Kägi selbst kann sich noch gut an die Begegnung erinnern: «Wir haben sicher 20 Minuten lang miteinander gesprochen.» Braun habe etwa wissen wollen, welche Lokomotiven sich für den Dauerbetrieb eignen würden. «Als er mein Geschäft wieder verliess, hat er tatsächlich noch draussen vor der Tür seinen Bruder angerufen und gesagt: ‹Ich weiss jetzt, was wir machen!›». Dass aber aus der spontanen Idee des ehemaligen Diskothekenbetreibers Braun tatsächlich eine riesige Modellbahnanlage entstehen würde, das hat Kägi nie geglaubt.


Frederik Braun erinnert sich in einer TV-Dokumentation 2002 an seine Begegnung mit Daniel Kägi. Damals wusste Kägi noch nicht, was in Hamburg Verrücktes entstanden ist.

Die knapp zwei Zentimeter grosse Figur ist in der Werkstatt des Miniatur Wunderlandes bereit für die Platzierung in der Anlage.

Die knapp zwei Zentimeter grosse Figur ist in der Werkstatt des Miniatur Wunderlandes bereit für die Platzierung in der Anlage.

Eröffnung verpasst

Entsprechend hat der Wädenswiler auch die Eröffnung des Wunderlands nur ein Jahr später im Sommer 2001 verpasst. Als Braun in Hamburg aber immer wieder die Geschichte vom Zürcher Modellbahngeschäft als Inspirationsquelle erzählte, machten sich einige Wunderland-Fans auf die Suche nach Kägi und erzählten ihm vom Spektakel, das nun in der Hansestadt geboten wird.

Kägi besuchte dann 2003 erstmals auf Einladung der Fans das Wunderland. «In einem Partywagen der Hamburger Hochbahn haben wir mit dem Team des Wunderlands angestossen», erzählt Kägi. Seither geniesst er auf Lebenszeit freien Eintritt und pflegt mit dem einen oder anderen Modellbauer ein freundschaftliches Verhältnis. Regelmässig reiste er in den vergangenen Jahren nach Hamburg, um die Veränderungen im Wunderland zu beobachten.

Stolz auf sein Riesenrad

Der 53-jährige Wädenswiler Modellbaufanatiker hat das Grundprinzip des Miniatur Wunderlands – detailreiche Anlagen mit einem Tag- und Nachtmodus – schon Jahre zuvor für eigene Anlagen entwickelt. Alles natürlich deutlich bescheidener. In den 1990er-Jahren tingelte Kägi von Chilbi zu Chilbi mit einer Schauanlage. In stundenlanger Kleinarbeit hat er selbst Chilbibahnen im Miniaturformat gebaut. Ein Riesenrad war sein ganz besonderer Stolz, weil es damals noch keine Bausätze von grossen Herstellern dafür gab. «Und weil die Anlagen eben nicht nur auf Züge fokussiert waren, hatten auch Frauen extrem Freude daran», erzählt Kägi. Ein Rat, den sich das Miniatur Wunderland zu Herzen nahm – und entsprechend heute nicht nur bei modellbahnverrückten Männern beliebt ist.

Wie Kägi zu seiner Statue kam

Es ist eine kuriose Geschichte, Daniel Kägis Verbindung zum Miniatur-Wunderland. So kurios wie die Geschichte der ersten Idee ist auch jene der Entstehung von Kägis Minifigur im Frühling dieses Jahres. Diese Zeitung trieb die Frage um: Gibt es heute einen Bezug zu Daniel Kägi in der bestehenden Ausstellung? Die Antwort aus dem Wunderland kam postwendend. Weil die Modellbauer beim Bau der Mini-Schweiz auf das Wallis, Graubünden und das Tessin fokussierten, gibt es kein Abbild von Kägis früherem Modellbahnladen im Wunderland. Die Frage dieser Zeitung lockte das Modellbauteam aber gleichzeitig aus der Reserve: «Weil Daniel Kägi einen festen Platz in der Geschichte des Wunderlandes hat, könnten wir eine kleine Figur von ihm bauen.» Die Zeitung übermittelte daraufhin ein Foto von Kägi als Bauvorlage. Und so steht der Wädenswiler heute in der Hamburger Miniaturwelt – nur wenige Meter von der Kilchberger Fabrik Lindt & Sprüngli entfernt.

Daniel Kägi erzählt, wie er schon als Kind zum Modelleisenbahnfan wurde.

Chilbi treu geblieben

Heute hat Kägi keine Modellanlage mehr, sondern er fährt mit Essensständen an Chilbis – vorwiegend solchen mit schottischen Pasteten, sogenannten Pastys. Zwar ist er gelernter Koch, doch der Wechsel vom Modellbahngeschäft zurück ins Kochmetier kam nicht ganz freiwillig. Der Wädenswiler musste seinen Laden in Zürich 2008 aufgeben. Die Finanzkrise liess die Umsätze einbrechen, und der neue Vermieter des Lokals wollte eine viermal höhere Miete. Kosten, die Kägi nicht mehr stemmen konnte. Privat hat er deshalb auch keine Anlage mehr, nur eine kleine Sammlung ausgewählter Miniaturlokomotiven und -wagen ist ihm geblieben, die er mit Freude hegt und pflegt. Noch heute trauert er dem Aus seines Modellbahnladens nach.

Die Faszination für die Miniaturwelt ist ihm aber geblieben. Entsprechend kann es Daniel Kägi kaum erwarten, den 87-mal kleineren Nachbau von sich selbst in Hamburg zu suchen – ganz so einfach wird das aber nicht sein, auch wenn die Modellbauer sogar Kägis Kochschürze nachzeichneten. Mehr als eine Viertelmillion Plastikfiguren stehen nämlich auf der 1500 Quadratmeter grossen Modellfläche im Wunderland.

Die Figuren im Wunderland

Von den über 265000 Figuren im Wunderland sind nur rund 5 Prozent Sonderanfertigungen. Die meisten anderen kommen aus einer normalen Modellbahn-Box von grossen Herstellern. Für eine «einfache Figur» wie jene von Kägi benötigen die Modellbauer bis zu zwei Stunden - soll sich die Figur auch bewegen, dann sitzen die Tüftler auch mal einen ganzen Tag an der Arbeit.

Das Video zeigt, wie die Modellbauer ihre Figuren gestalten:

Zahlen und Fakten zum Hamburger Miniatur Wunderland

Die Schweiz erstreckt sich im Wunderland über mehrere Etagen - inklusive sechs Meter hohem Matterhorn.

Die Schweiz erstreckt sich im Wunderland über mehrere Etagen - inklusive sechs Meter hohem Matterhorn.

Dort wo früher im Hamburger Freihafen Kaffee, Tabak oder Gewürze gelagert wurden, steht heute die weltgrösste Modelleisenbahnanlage Miniatur Wunderland. Nebst den über 250000 Minifiguren haben die Modellbauer auf der 1500 Quadratmeter grossen Ausstellungsfläche 15 Kilometer Gleisanlagen, 4400 Häuser und Brücken und 130000 Bäume verbaut. Nebst den über 1000 fahrenden Zügen sind auch 9250 – davon fast 300 ebenfalls fahrende – Autos und über 40 fliegende Flugzeuge in der Ausstellung zu sehen.

Die Miniatur-Schweiz erstreckt sich über zwei Etagen und 250 Quadratmetern. Schwerpunkte bilden das Wallis, Graubünden und das Tessin mit den Fantasiebahnhöfen «St. Max» und «Brichur». Unter anderem können die Besucher einen sechs Meter hohen Matterhorn-Nachbau, aber auch ein DJ-Bobo-Konzert im Kleinformat entdecken. Als Miniaturwelten sind nebst der Schweiz auch Hamburg, Mitteldeutschland, Österreich, Amerika, Italien, Skandinavien und der Fantasieort Knuffingen (inklusive des gleichnamigen Flughafens) entstanden. Derzeit arbeiten die Modellbauer an der Landschaft von Monaco und der Provence. Die Modellbahnanlage ist so programmiert, dass in den entsprechenden Ländern nur die passenden Züge unterwegs sind.

Inzwischen hat das Team des Wunderlands 21 Millionen Euro und rund 800000 Arbeitsstunden in die Miniaturwelt investiert.

15 Kilometer Gleis.
1040 Züge.
9250 Autos.

Ein Blick in das Miniatur Wunderland

Text: Conradin Knabenhans
Bilder: Conradin Knabenhans/Manuela Matt/Miniatur Wunderland

Das Hamburger Miniaturwunderland...

Das Hamburger Miniaturwunderland...

...ist mit Daniel Kägi jetzt um eine Figur reicher.

...ist mit Daniel Kägi jetzt um eine Figur reicher.

© Tamedia